Fallbeispiele beurteilen
Die Prinzipien zu kennen ist das eine. Sie auf einen konkreten Fall anzuwenden ist eine eigene Fertigkeit – und die lässt sich üben.
Ein Prüfschema
Schritt für Schritt durch einen Fall:
- Welche Daten? Sind sie personenbezogen? Sind sie besonders schützenswert (Gesundheit, Herkunft, politische Meinung)?
- Welcher Zweck? Wofür wurden sie erhoben, wofür sollen sie jetzt verwendet werden? Ist das derselbe Zweck?
- Welche Rechtsgrundlage? Gesetz, Vertrag oder Einwilligung – oder keine?
- Erforderlich und minimal? Ginge es mit weniger Daten, gröberen Daten oder ganz ohne Personenbezug?
- Transparent? Wissen die Betroffenen davon? Können sie widersprechen?
- Sicher? Wie steht es um Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit?
- Abwägung und Urteil. Welche Interessen stehen gegeneinander? Wie lautet dein Urteil – und was wäre eine bessere Lösung?
Schritt 7 ist der eigentliche Kern. Wer nur Verstöße aufzählt, hat beschrieben, nicht beurteilt.
Fall 1: Die Schul-App
Eine Schule führt eine App ein, über die Lehrkräfte Hausaufgaben und Noten eintragen. Eltern und Schülerinnen sehen ihre eigenen Daten.
Aus dem Datenbankschema der App:
schueler(schueler_id, name, geburtsdatum, adresse, telefon, foto, religionszugehoerigkeit)
note(note_id, schueler_id→schueler, fach, wert, datum, kommentar)
zugriff(zugriff_id, schueler_id→schueler, lehrkraft_id, zeitpunkt, aktion)
Der Anbieter der App sitzt in den USA und wertet die Nutzungsdaten aus, „um das Produkt zu verbessern".
Beurteile den Fall mit dem Prüfschema. Gehe besonders auf ein:
a) die Spalte religionszugehoerigkeit
b) die Tabelle zugriff
c) die Auswertung durch den Anbieter
Tipp zu b)
Die Tabelle zugriff ist zwiespältig. Frage dich: Welchem Schutzziel dient sie – und welches Problem schafft sie?
Fall 2: Das Festival-Bändchen
Für das nächste Jahr plant die Klangwiese Bändchen mit Funkchip. Jedes Bändchen ist einem Ticket zugeordnet. Damit sollen Besucherinnen bargeldlos bezahlen und den Einlass passieren.
Das Team schlägt vor, zusätzlich zu speichern, wann wer welche Bühne betreten hat – „damit wir nächstes Jahr die Bühnen besser planen können".
a) Beurteile den Vorschlag mit dem Prüfschema.
b) Entwirf eine Variante, die den Planungszweck erfüllt, aber datensparsam ist. Gib das Relationenschema an.
c) Nenne für deine Variante je ein Beispiel, wie Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit gefährdet sein könnten.
Tipp zu b)
Frage: Braucht die Bühnenplanung wirklich die Information wer, oder genügt wie viele?
Fall 3: Die eigene Datenbank
Sieh dir die Festivaldatenbank noch einmal insgesamt an.
a) Erstelle eine Übersicht: Welche Tabellen enthalten personenbezogene Daten, welche nicht?
b) Formuliere für die Klangwiese ein Löschkonzept: Welche Daten werden wann gelöscht, welche dürfen bleiben? Begründe jede Frist.
c) Welche der Auswertungen aus Kapitel 4 ließen sich auch nach Umsetzung deines Löschkonzepts noch durchführen?